Jendricke kritisiert Sozialministerium:

Vermeidbaren Tod von Menschen in Kauf nehmen?

Mittwoch
07.04.2021, 20:30 Uhr
Autor:
psg
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Der Start des Tests ist im Landkreis Nordhausen etwas holprig verlaufen. So mussten in den geöffneten Geschäften neben einer Impfbestätigung auch negative Testergebnisse vorgelegt werden. Trotzdem will Landrat Matthias Jendricke den Test der “Modellregion” fortführen...

Beatmung (Symbolbild) (Foto: Thomas G. auf Pixabay) Beatmung (Symbolbild) (Foto: Thomas G. auf Pixabay)
“Ich werde morgen Mittag das Land Thüringen bitten, dass wir das Projekt ‘Modellregion’ fortführen können”, sagt Matthias Jendricke im Gespräch mit der nnz und hofft, dass die Vorgaben des Landes dahingehend nachgebessert werden, dass zum Beispiel auch Menschen mit einer Impfung zum Beispiel die geöffneten Geschäfte betreten können. Die gesetzlichen Bestimmungen sprechen hier lediglich von “Getesteten”.

Welche Auswirkungen das hat, wurde gestern im Bereich des Uthleber Weges deutlich. Wie Niels Neu der nnz berichtet, konnte endlich wieder der Domäne-Markt öffnen. Allerdings konnten nur 84 Personen eingelassen werden, rund 500 wurden abgewiesen. Trotzdem befürwortet der Vorstandsvorsitzende des Nordthüringer Unternehmerverbandes die Strategie von Landrat Jendricke und befindet sie als Alternativen, wie wir mit dem Virus leben können, unterstützenswert.

“Ich erwarte von der Politik, vor allem der des Landes und des Bundes, dass statt ständig neuer Namen für den nächsten Lockdown, endlich Konzepte vorgelegt werden, wie die Gesellschaft mit dem Virus umgehen soll. Vor allem aber muss die Politik endlich allen die es wollen, Impfangebote machen”, so Neu. Nur das Durchimpfen mit einem wirksamen Impfstoff öffne allen die Türen zur Normalität.

Bulletin vom 7. April 2021 (Foto: Sozialministerium/Landesregierung) Bulletin vom 7. April 2021 (Foto: Sozialministerium/Landesregierung)
Im Dienstzimmer des Landrates lag am Vormittag das tägliche Bulletin der Landesregierung zu Corona. Vor allem eine Spalte hat es in sich: die der Verstorbenen. Und an letzter (bester) Stelle der Landkreis Nordhausen. In keinem anderen Landkreis sind weniger Tote im Zusammenhang mit der Pandemie zu beklagen - nur 50 Tote nach einem Jahr. Was auffällt, das ist die Tatsache, dass zum Beispiel mit dem Weimarer Land (52 und Landkreis vergleichbarer Größe) oder der Stadt Jena (61) ähnlich wenig Verstorbene registriert sind. Hingegen haben andere Nordthüringer Landkreise wesentlich mehr Verstorbene registriert. Im Landkreis Eichsfeld wurden - Stand heute - 197 Tote ausgewiesen, im Kyffhäuserkreis waren es 113, im Unstrut-Hainich-Kreis gar 213.

Für Matthias Jendricke hängen die Unterschiede mit den Krankenhäusern in den jeweiligen Landkreisen zusammen. Nur der Landkreis Nordhausen verfügt mit dem Südharz Klinikum und der Neustädter Klinik über sogenannte Level-1-Krankenhäuser im Thüringer Norden. Ähnlich sieht es in Jena mit dem dortigen Uniklinikum oder mit dem Zentralklinikum Bad Berka im Weimarer Land aus. Das Landratsamt schlussfolgert daraus, dass die Level-1-Krankenhäuser mit ihren spezialisierten Intensivstationen wesentlich besser mit schwersten Krankheitsverläufen umgehen können, als die normalen Kreiskrankenhäuser.

“Das Land sollte also die Kreiskrankenhäuser verpflichten, ihre schweren und schwersten Verläufe an die spezialisierten Häuser abzugeben. Natürlich nur so lange, bis deren Kapazitätsgrenze erreicht ist und sie de facto einen Aufnahmestopp verhängen. Das habe ich bereits im vergangenen Jahr immer wieder den Landespolitikern vorgetragen. Nur reagiert hat bislang niemand. Man nimmt den vermeidbaren Tod vieler Menschen einfach in Kauf”, kritisiert der Nordhäuser Landrat das Verhalten des zuständigen Sozialministeriums.

Ihm fehle es in Erfurt an der notwendigen Entschlossenheit beim Handeln in einer so außerordentlichen Krisensituation. Und das müsse sich ändern. “Im Land wie im Bund. Wenn wir Leben retten und nicht nur die Wirtschaft kaputtmachen wollen, dann bitte mit den richtigen Maßnahmen und nicht mit so viel Unsinn.“
Peter-Stefan Greiner